Die Limonaia

 

Die nachfolgenden Daten sind Gesprächen mit Besitzern von italienischen Limonaias, ehemaligen Angestellten in solchen Plantagen oder mit Leuten, die heute ein museales oder historisches Wissen über diese Citruskulturen besitzen, entnommen und können daher keinen anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit erheben.

Citrusfrüchte gehörten schon immer zu den exklusiven Früchten der Tropen und Subtropen und standen bei Tisch schon immer in hohem Ansehen. Citrus breitete sich schnell über alle Teile der Welt aus, doch die Früchte an sich konnten Aufgrund der schnellen Verderblichkeit nicht auf dem allgemeinen Markt etablieren. Erst mit den Dampfschiffen und den damit schnelleren Transportmöglichkeiten tauchten nach und nach mehr Früchte auf, die eben eine bessere Haltbarkeit aufwiesen. Mit dem Frachtluftverkehr konnten nun auch leicht verderbliche Citrusfrüchte dem allgemeinen Markt zugänglich gemacht werden und die kurzen Transportzeiten steigerten wesentlich die Qualität der Früchte am Markt. Zu Zeiten bevor des großen Luftfrachtverkehrs wurde allerorts versucht, Citrus in günstigen Klimaregionen zu kultivieren, mit mehr oder weniger großen Erfolgen. In Frankreich erfreuten sich Orangen großer Beliebtheit, weshalb die Gewächshäuser der Fürstenhöfe zur Kultur dieser Pflanzen Orangerien getauft wurden. In Deutschland waren es Pomeranzen, daher die Bezeichnung Pomeranzenhäuser und in Italien waren es Zitronen, auf italienisch Limoni. Die Limoni wurden in Limonaias gezogen, dem italienischen Gegenstück zur Orangerie. Oft war es sehr schwer, gute und hochwertige Früchte weit in den Norden zu bringen, so daß viele Früchte nicht dem Markt zugänglich waren, oder auf dem Transport verdarben. Hier schlossen die Italiener eine Marktlücke. Aufgrund Ihrer Erfahrungen mit den Limonaia wurden ganze Plantagen an günstigen Stellen angelegt, die bekanntesten wohl am Gardasee. Die Pflanzungen versorgten den Alpenraum mit frischen Zitronen, die am Tisch hohes Ansehen genossen. An den Westufern des Gardasees wurden in den Hang große terassenartige Gebäude gebaut. Die Gebäude zogen sich in unterschiedlichen Ausmassen am Hang entlang, auch in verschiedenen Steigungen. Man sieht viele ungewöhnliche Konstruktionen am Gardasee, doch vom baulichen Prinzip bleiben diese gleich. Eine Mauer hält einen bestimmten Hangabschnitt in einer Ebene zu unterschiedlicher Breite, eine Terrasse. Eine weitere Mauer am hinteren Ende schließt die Terrasse ab und steigt zur nächsten Terrasse an. Auf den Mauern befinden sich große gemauerte Pfeiler, die eine Holzkonstruktion tragen. Die schräge oder gerade Dachholzkonstruktion besteht aus hölzernen Dachsparren, die mit Latten und Dachplatten abgelegt werden. Die vorderen Wände werden mit großen Holzbauteilen erstellt, die zwischen den Pfeilern an der Holzkonstruktion mit Keilen befestigt werden. Diese Holzelemente enthalten lange Fenster und in der Museumslimonaia 'Prato della Fame' sind zwei Fenster pro Element vorhanden, um eben in der während der Zeit wo die Limonaia abgedeckt ist, Licht in den Innenraum zu lassen. Auf die Dachelemente wurden dann übliche Welldachplatten gelegt um eben einen Wasserablauf zu gewähren. Früher wurden hölzerne Dachlatten aufgelegt, mit Lehm gedichtet und mit Grassoden zur Isolation belegt. Auch von Abdichtungen mit Pech ist die Rede gewesen. Die Seitenwände waren geschlossen gemauert, es gab aber auch Konstruktionen wo eine Wandseite nach gleicher Konstruktion wie die Vorderwand aufgebaut war und entsprechend verschalt werden konnte. Solche Gebäude wurden in Deutschland 'abschlagbare Pomeranzenhäuser' genannt, weil sich Dach und Vorderwand für den Sommer demontieren ließen, während im Winter das Gebäude mit den schützenden Schichten versehen wurde. Der Innenraum besaß sehr oft einen aufgeschütteten Boden, der zum eigentlichen Hanggrund frei war. Eine Kiesschicht sorgte für Isolation und Dränage. Einige der Limonaias haben einen gestampften Lehmboden oder einen gemauerten Boden, so daß die Pflanzen nicht mit dem Erdreich unter der Limonaia in Kontakt kommen konnten. Es existieren sogar Berichte von Limonaias mit einer Säulenkonstruktion, auf welchem der Boden ruhte. Unter diesem Boden wurde dann ein Feuer entfacht und so eine Fußbodenwärme ähnlich Römischen Gebäuden geschaffen. Doch ich selbst konnte am Gardasee keine dieser Limonaias entdecken, doch dies mag kein Indiz dafür sein, daß es solche Konstruktionen nicht gab. So eine Fußbodenheizung war schließlich als Kanalheizung etwas abgewandet bei Orangerien in Gebrauch. Ich persönlich halte es durchaus für möglich und für eine durchdachte Konstruktion. Auf den Fußboden wurde dann Erdreich oder eben eine besondere Erdmischung aufgebracht in welche die Pflanzen gesetzt wurden. Eine Seitenwand nahm dann ein Bewirtschaftungshaus ein, worin früher die Verschalungselemente, Ernte und Kulturgeräte gelagert wurden.Auch befand sich im Untergeschoß häufig eine Zisterne und/oder eine Brunnen um die Plantage zu bewässern. Auch eine geschützte Treppe für eine Inspektion im Winter ist vorhanden, abgesehen von der üblichen Treppe im Plantageninnenraum, welche die einzelnen Terrassen verband. Zusätzlich lag in diesem Gebäude eine Heizeinrichtung, die durch mehrere Feuerstellen die Luft im Kulturraum während der starken Fröste erwärmte. Leider war keine der alten Heizeinrichtungen mehr intakt, so daß deren Konstruktion und genaue Funktion mir verborgen blieb. An einigen Kulturhäusern ist eine Lagerung zu erkennen, die wohl mal ein Wasserrad gehalten hat. Gegenlager sind an den vorbeilaufenden Bächen ebenfalls zu sehen, doch welche Aufgabe und Funktion das Rad hatte ist ebenfalls nicht zu klären gewesen, aber die Möglichkeit zum Betreiben von Bewässerungspumpen und -anlagen ist denkbar. Auch eine Luftumwälzung durch Ventilatoren ist eine Möglichkeiten, doch Aufgrund des oft sehr desolaten Zustandes dieser Anlagen ist eine genauere Ermittlung kaum möglich. Somit sind die durch Wasserkraft angetriebenen Anlagen nur möglichen und logischen Vermutungen entsprungen.

In der Terrasse des Kulturraumes sind je nach Breite ein oder mehrere Wege angelegt um die Pflanzen pflegen oder abernten zu können. Auf schmalen Terrassen liegen die Wege eher am vorderen oder hinteren Teil der Terrasse mit schmalen Querwegen, oder wie im Falle der 'Prato della Fame' ist zwei breite Kulturwege zwischen den Pflanzdoppelreihen angelegt. Die Pflanzen sind auf den Unterlagen Poncirus trifoliata oder häufiger auf Citrus aurantium veredelt, wobei oft eine Rindenpfropfung vorgenommen wurde. Die Veredelung liegt etwa 20-30 cm über dem Boden und alle Pflanzen liegen in Strauchform oder Halbspalier vor. Die Pflanzen werden im Halbspalier an kleinen Querstreben zwischen den im Innenraum liegenden Holzstützpfeilern und Mauerwerkspfeilern angebunden. Die Erträge sind relativ hoch, wobei im Falle der 'Prato della Fame' die Ernten im lokalen Umfeld verkauft werden. Zur Blütezeit der Limonaias wurden diese Früchte aber ausschließlich weiter nördlich auf den Markt gebracht.

Es wurde früher entweder von Hand bewässert, oder aus einem Hochbehälter Wasser durch Rohrleitungen zu den Pflanzen befördert, auch sind Pumpenreste oft vorhanden, die einen Schluß auf mechanische Wasserförderung zum Bewässern zulassen. Einige dieser Pumpen wurden von Hand betrieben, doch wie oben schon erwähnt ist auch ein Antrieb durch Wasserkraft denkbar, doch hierzu konnten keine genauen Angaben erreicht werden. Während früher im Kulturhaus die Heizeinrichtung lag, werden heute kleine Gas-Katalyth- Heißluftbrenner verwendet, die durch eine Art Doppelkreislauf keine schädlichen Abgase in den Innenraum entweichen lassen. Auch ist heute noch, wie früher, das ausbringen und Einarbeiten von Mist eine beliebte Methode die Bodenwärme zu steigern. Ebenso werden die Pflanzreihen im Winter mit Rinden-, Laub- oder Strohmulch bedeckt um den Boden vor starker Auskühlung zu schützen. Es gibt auch Berichte, wo große Steine in der Glut erwärmt wurden, und dann in Bodenlöcher verbracht wurden, und so eine Erwärmung des Boden mit erheblichem Aufwand betrieben wurde.

Vor den ersten Frösten werden die Holzverschalungen montiert und mit Keilen am Holzgerüst befestigt. Die Dachlatten werden dicht auf die Dachsparren gelegt und mit großen Dachplatten abgelegt. Zum Lüften können einzelne Dach- und Wandelemente geöffnet werden. In früheren Zeiten, aber auch in wenigen Limonaias heute noch, werden die kleinen Spalten zwischen den Elementen zum Abdichten mit Lehm verstrichen. Auch wurden früher oft Lehmschichten auf dem Dach aufgetragen und zum Teil mit Grassoden belegt.

Nach dem Winter wurden die Limonaias zunächst die Wände demontiert und eingelagert und nach den großen Regenfällen im Frühjahr wurde auch das Dach entfernt und eingelagert, heute werden die Limonaias eigentlich recht schnell völlig abgedeckt, weil die Heißluftgebläse Regenkühle gut unterbinden, falls dies nötig sein sollte. Große Steine im Erdreich zwischen den Pflanzen dienen als zusätzliche Wärmespeicher sind jedoch leider nicht zu sehen.

Gedüngt wird heute oft mit Mineraldüngern, doch die museale Limonaia 'Prato della Fame' verwendet seit kurzem wieder Mist, Hornspäne und Dolomit um die Pflanzen zu ernähren, aber zeitweilige Sprühvorgänge mit Spurenelementen und Fungiziden basieren noch auf synthetisch hergestellten Salzmischungen, und werden es in Zukunft nach Aussagen der Betreuer auch bleiben. Selbst im Winter wurde und wird bei zeitweiligen günstigen Klimalagen noch gedüngt, um einen einwandfreien Fruchtzustand zu gewähren. Im Frühjahr wird ein Rückschnitt durchgeführt, und im Herbst sind Verjüngungsschnitte oder ein Schnitt zum Lichten der Krone üblich. Weitere Kulturmaßnahmen unterscheiden sich kaum mit denen für im Freiland stehende Pflanzen, weshalb diese hier nicht aufgeführt werden.

Ein Besuch solcher historischer Citruspflanzungen ist sehenswert und oft sind die Gärtner sehr hilfsbereit und mitteilsam, so daß ein Besuch dieser Pflanzungen in meinem Falle nicht selten bis spät in den Abend gedauert hat. Sollte noch ein anderer Citrusfreund hier weiterführende Angaben machen können, so sind mir seine Ausführungen sehr willkommen.

 

 

Zurück zum Index